Da liegt man als erschöpfter Texter (Content Writer) nach einem harten Arbeitstag auf der Couch vor dem Televisionsgerät, um bei einer Folge „Startrek – The Next Generation“ in den ersehnten Dämmerzustand abzugleiten, als ein Werbespot für Emma-Matratzen über den Bildschirm flimmert. Olala – was für ein monströser Rechtschreibfehler sticht mir da in die Augen! Ich bin sofort hellwach und klopfe dreimal mit den Fingern der rechten Hand auf den linken Handrücken – nur, um sicher zu gehen, dass ich nicht in einem bösen Traum aufgewacht bin. Doch anscheinend befinde ich mich in der Realität, der nächste Spot läuft schon und bald geht es weiter mit Picard und seiner Truppe. Ich warte also die nächste Werbeunterbrechung ab – die kommt zeitig – und wieder läuft der Emma-Spot. Um Gottes Willen, ich habe mich nicht getäuscht. Da steht tatsächlich: „Matratzen, entwickelt für ein Jahrzent voller Komfort“.

Kann ja mal passieren, dass man sich vertippt. Aber in einem 800.000 Euro-Spot? Ich reibe mir die Augen und der Rechtschreibfehler ist verschwunden, der nächste Spot läuft. Wahrscheinlich hatte ich den ganzen Tag einfach zu wenig getrunken und halluziniere jetzt. Ich eile ans Weinregal und entkorke schnell eine Flasche Rioja – das wird bestimmt helfen und ich kann die nächste Werbeunterbrechung unbeschadet überstehen. „Rupp, schließ einfach die Augen, wenn das Matratzen-Jahrzent erneut angekündigt wird“, beschwöre ich mich selbst. Aaaaaahhh, ein kräftiger Schluck Rioja – „Selecion Especial, eine ausdrucksvolle Cuvée aus Monastrell, Cabernet Sauvignon und Syrah. 8 Monate in Barriques aus französischer und amerikanischer Eiche gereift. Ein sehr attraktives Kirschrot mit purpurnen Reflexen zeigt sich im Glas. Das Bouquet ist kraftvoll und geprägt von reifen roten Früchten, fein komponiert mit Gewürzen, Röstaromen, sowie rauchigen Nuancen. Am Gaumen ist dieser Wein mit einer tollen Struktur ausgestattet, ausgewogen und kraftvoll mit einem samtigen, langen Finale.“ So heißt es im Vinos-Newsletter. Mir geht es gleich besser und in der nächsten Werbepause werde ich den Emma-Matratzen-Lapsus abfotografieren, damit ich nicht am nächsten Tag denke, alles war nur geträumt. Auch auf die Gefahr hin, retraumatisiert zu werden, tue ich das.
Ich frage mich, ob dieser Fauxpas auf die Kappe der KI geht oder ob menschliches Versagen zugrunde liegt. Nun ja, es ist ja kein Flugzeugabsturz, von daher: Schwamm drüber. Trotzdem: Wird Sprache überhaupt noch wertgeschätzt? Oder ist es egal, ob „Jahrzent“ oder „Jahrzehnt“? Man versteht doch so oder so, was gemeint ist, oder etwa nicht? Vielleicht ist es aber auch ein raffinierter Schachzug des Emma-Unternehmens, das gezielt auch Legastheniker ansprechen möchte – als ein Akt der Inklusion. Das würde eine Imagesteigerung für das Unternehmen bedeuten. Ja, so wird es sein. Ich gönne mir ein zweites Glas von dem kirschroten Rioja und lasse den Abend mit einem überheblichen Grinsen im Gesicht ausklingen …
5 Wochen später: Picard hat längst schon die Romulaner und auch die Cardassianer in die Schranken gewiesen, da ziehen die Emma-Matratzenhersteller den Schwanz ein und machen aus dem „Jahrzent“ still und leise ein „Jahrzehnt“. Ende der Sprachrevolte … Das crazy!
